Zionsgemeinde Allendorf (Lumda)

Die „Bibel“ des kleinen Mannes

475 Jahre Luthers Katechismen:
Die volkstümliche Bibelessenz ist immer noch aktuell

Es war die Unmündigkeit in den Kirchengemeinden und ein Mangel
an Lehre über den christlichen Glauben, die Martin Luther vor
475 Jahren dazu bewogen, Katechismen herauszugeben.

Sie wurden schnell zum geistlichen Bestseller, doch inzwischen ist
ihr Einfluss weitgehend verschwunden. Über Entstehung und Aktualität
des Katechismus schreibt die Arbeitsgruppe „Bekenntnis-Jubiläen“
der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK).

Dem Reformator schwante Böses. Immer wieder bekniete Martin Luther
seinen Landesherrn, er möge sich doch endlich einmal informieren,
was in den Kirchengemeinden los ist. Als Kurfürst Johann der Beständige
1527 endlich sein Visitationsedikt erließ, machte sich Luther rasch mit
seinem engen Vertrauten Philipp Melanchthon an die Ausbildung der
Visitatoren, die in den Gemeinden nach dem Rechten sehen sollten.
Schon im Jahr darauf zogen diese durch das Kurfürstentum Sachsen,
besuchten allerorts Gottesdienste, sprachen mit Pfarrern und
Gemeindemitgliedern. Was sie nach ihrer Rückkehr berichteten,
versetzte Luther in Rage – sein Fazit fiel entsprechend deftig aus:
„… es sind schändliche Fresser und Bauchdiener, die besser
Schweinehirten oder Hundeknechte sein sollten als Seelsorger und Pfarrer“.
Hauptgrund für die harten Worte war eine enorme Unwissenheit unter den
Pastoren und Gemeinden. Selbst elementarste Grundlagen des christlichen
Glaubens waren kaum präsent.

Dieser Befund ließ Luther keine Ruhe. Um die Grundlagen christlichen
Glaubens in die Köpfe der Menschen zu bringen, nutzte er alle medialen
Möglichkeiten seiner Zeit. Ab 1528 hielt er eine Reihe von
Katechismuspredigten, die später zur Grundlage für den Großen Katechismus
werden sollten. Er ließ Heftchen und Plakate drucken, deren Inhalt etwa dem
Kleinen Katechismus entsprach. In fünf Hauptstücken, an einer Hand abzählbar,
präsentierte Luther in einfachen Worten, was einem Christen zum Leben und
Sterben nötig ist. Mit einer Einführung an die Pfarrer versehen, enthält
der Kleine Katechismus eine volkstümlich zusammengefasste Essenz der
Heiligen Schrift für den Alltag. Die Zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis,
das Vaterunser, die Taufe und das Abendmahl werden kurz definiert und erklärt.
In Buchform erschien zunächst im April 1529 der Große Katechismus.
Konzipiert als Lehrerhandbuch sollte er zu einer rechten christlichen
Lebenspraxis anleiten. Luther richtete ihn bewusst an alle Lehrenden im
weitesten Sinne – Pfarrer, Handwerksmeister und Hausväter der bäuerlichen
oder handwerklichen Großfamilien. Sein Werk begriff er als „Laienbibel“,
die Gottes Wort an Beispielen greifbar macht. Dabei beschränkt er sich
auf die Inhalte der Bibel, die für das tägliche und das ewige Leben
notwendig sind.

Schon im nächsten Monat wurde auch der Kleine Katechismus als Buch gedruckt.
Die fünf Hauptstücke wurden um Tischgebete sowie Morgen- und Abendsegen
erweitert und damit auf den Hausgebrauch der damaligen Zeit zugeschnitten.
Durch regelmäßiges Vorlesen und Hören in den Familien sollten die Hauptstücke
nach und nach zum festen Bestandteil der häuslichen Frömmigkeit werden.
Der Kleine Katechismus wurde sofort zum Bestseller. Mit dem Bestreben der
Landesfürsten, die Frömmigkeit der Bevölkerung zu stärken, wurde auch
Bildung immer wichtiger. Lesen, Schreiben und Singen galt bald als wichtige
Voraussetzung für einen mündigen christlichen Glauben. Der tägliche
Schulunterricht wurde in den protestantischen Regionen des Landes üblich
und machte den Kleinen Katechismus schließlich unentbehrlich.
Erweitert um das ABC, die Zahlen von 1 bis l00 und weitere Beigaben
wurde er zum protestantischen Elementarschulbuch schlechthin – und
blieb es für mehr als 200 Jahre. Damit trug der Kleine Katechismus
ganz entscheidend zur Alphabetisierung der Deutschen bei.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts konnte nicht einmal jeder Zehnte
lesen und schreiben. Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts schwand der
öffentliche Einfluss des bis dahin wohl meistgedruckten Buches.
Nun musste sich der Katechismus in einer wachsenden Konkurrenz
neuer Bücher und neuen Wissens behaupten. Die Leserschaft wendete
sich anderen Themen zu, und auch aus der Bildung musste sich die
Kirche mehr und mehr zurückziehen.

Schließlich spielte der Katechismus nur mehr im privaten und religiösen
Bereich der Menschen eine Rolle – und so ist es auch heute noch.
Nur wird der Katechismus immer seltener gelesen und kaum noch gelernt.
Daran könnte die heutige Eltern- und Großelterngeneration zweifellos
etwas ändern, aber die haben oft ihre eigenen Probleme mit dem Kleinen
Katechismus. Erinnerungen an selbst erlebten „Katechismus-Drill“ im
Konfirmandenunterricht kommen hoch. Die unzeitgemäße oder unverständliche
Sprache Luthers wird kritisiert. Und davon abgesehen kann man doch
heute keinem Kind mehr zumuten, so etwas auswendig zu lernen. Oder?

Die Kritikpunkte sind nachvollziehbar. Die Katechismus-Erklärungen
im Lutherdeutsch müssen den Konfirmanden wiederum erklärt werden –
und damit haben sie auf den ersten Blick ihren Zweck verfehlt.
Beim genauen Hinsehen wird aber klar, warum sie längst nicht überflüssig
sind: Ihre sprachliche Qualität und die klare inhaltliche Aussage haben
Luthers Sätze unzählige Modernisierungsversuche und Jahrhunderte überstehen
lassen. Keine moderne Form lässt sich vergleichbar gut vorlesen – und eben
auch lernen. Selbst wenn das leidige Lernen mit unschönen Erinnerungen
behaftet ist, selbst wenn viele Pfarrer sich dem Willen von Eltern beugen
und im Unterricht darauf verzichtet – am Ende der Tage steht jeder Mensch
mit dem allein, was er einmal aufgenommen, gelernt und behalten hat.
Wenn im Alter die Sinne nachlassen oder versagen, bleiben oft nur die
Hauptstücke und einige Liedverse als letzter Trost und Wegweiser.

Dass der Katechismus längst nicht nur für Alte gut ist, zeigt ein Blick
über die Grenzen Deutschlands. Der Kleine Katechismus verbindet die
lutherischen Kirchen auf der ganzen Wett. Russlanddeutsche fragen auf
der Suche nach einer Gemeinde in Deutschland: „Habt ihr auch den
Kleinen Katechismus“? In der Mission, etwa im südlichen Afrika,
ist der Katechismus in den Landes-oder Stammessprachen unverzichtbar.
Derzeit arbeitet die lutherische Missionsgemeinde in Ulan Bator an
einer mongolischen Übersetzung mit. Ihr Vorteil: Die Übersetzungen
müssen sich nicht an der Sprache des 16. Jahrhunderts orientieren und
geben den Blick sofort auf den Inhalt frei. Der ist eine Entdeckungsreise
für jeden Christen wert – auch heute noch.

Aktuelle Bezüge findet man auf jeder Seite im Großen Katechismus.
So schreibt Luther zum siebten Gebot „Jedenfalls ist Stehlen und
Betrügen das am häufigsten geübte Handwerk …“. Er beschränkt sich
dabei nicht auf Räuber und Straßendiebe – auch von „Stuhlräubern“
ist die Rede. Die „sitzen auf dem Stuhl hinter ihrem Schreibtisch
und gelten als große Herren und ehrbare, rechtschaffene Bürger, rauben
und stehlen aber unter dem Schein des Rechts“. Wirtschaftskriminalität
oder korrupte Politiker sind damals wie heute ein Ärgernis. Zum Ende
der Ausführungen des achten Gebots (Du sollst nichtfalsch Zeugnis reden …)
heißt es: „Denn es gibt nichts am ganzen Menschen und in ihm, das mehr
Gutes schaffen und zugleich Schaden wirken kann als die Zunge, sowohl
in geistlichen als auch in weltlichen Dingen, obgleich doch die Zunge
das kleinste und schwächste Glied ist.“ Luthers Worte bringen es genau
auf den Punkt. Sie scheinen wie für eine Zeit mit Nachmittags-Talkshows
und dergleichen geschrieben zu sein. Und vielleicht wird sich jemand,
der mit dem Kleinen Katechismus seine Not hatte, mit dem Großen auf die
Suche begeben und den einen oder anderen Glaubensschatz heben.

Quelle: Arbeitsgruppe „BekenntnisJubiläen“ der SELK,
erschienen in idea Nr. 089 vom 2. August 2004